Familie Qassim in Gefahr: Abschiebung trotz Völkermord an Jesiden?
Die Jesidenfamilie Qassim kämpft um Schutz in Deutschland, während Unsicherheiten über ihre Abschiebung in den Irak bestehen.

Familie Qassim in Gefahr: Abschiebung trotz Völkermord an Jesiden?
Im Sommer 2014 geschah das Unfassbare: Die Terrormiliz IS fiel in den Nordirak ein und verübte grausame Verbrechen gegen die Jesiden, eine religiöse Minderheit, die bis dahin in ihrer Heimat im Sindschar-Gebirge lebte. Viele Menschen, wie die Familie Qassim, überlebten nur dank einer dramatischen Flucht, während ihre Angehörigen verfolgt, ermordet, entführt und versklavt wurden. Jahre später fanden sie Zuflucht in Deutschland, wo ihnen Schutz versprochen wurde. Doch die Hoffnung auf ein sicheres Leben könnte jetzt jäh enden, denn die Familie Qassim sieht sich mit einer drohenden Abschiebung konfrontiert, die mit der Behauptung begründet wird, sie seien Wirtschaftsflüchtlinge und die Heimat sei nun wieder sicher. Ein mutiger Schritt: Die Familie hat Klage gegen diesen Ablehnungsbescheid eingereicht, und Journalistinnen und Journalisten begleiten sie bereits seit anderthalb Jahren auf diesem steinigen Weg, besuchen sie in ihrem neuen Zuhause in Lychen, reden mit ihren Anwälten und stehen bei Behördenterminen zur Seite.
Was für eine tragische Wende in der Geschichte der Jesiden! Laut einem aktuellen Gutachten von PRO ASYL und Wadi e.V., veröffentlicht am 24. April 2024, ist eine Rückkehr in den Irak für viele Jesiden schlichtweg untragbar. Anlässlich des zehnten Jahrestages des Völkermords wird die Lage im Irak kritisch beleuchtet. Der Deutsche Bundestag hat im Januar 2023 die Verfolgung der Jesid*innen als Völkermord anerkannt, doch trotz dieser Feststellung schieben mehrere Bundesländer Personen mit jesidischer Herkunft in den Irak ab. Karl Kopp von PRO ASYL zieht ein klares Fazit: „Abschiebungen in ein unsicheres Land sind unverantwortlich“.
Prekäre Verhältnisse im Irak
Die Situation für die Jesiden im Irak ist nach wie vor desaströs. Zehntausende leben in Flüchtlingslagern unter katastrophalen Bedingungen, die Rückkehr in ihre Dörfer wird durch fortwährende Sicherheitsprobleme und den Einfluss bewaffneter Milizen blockiert. Der Aufbau der zerstörten Infrastruktur – von Wasser- und Stromversorgung bis hin zu Geschäften und Arbeitsplätzen – steht still. Luise Amtsberg, die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, hat die Flüchtlingslager besucht und die drängenden Bedürfnisse der Menschen vor Ort aus erster Hand wahrgenommen. Die irakische Regierung plant zwar die Schließung dieser Lager, doch mangelt es an realistischen Rückkehrperspektiven für die Anwohner, die trotz dreier Milliarden Euro deutscher Hilfe weiterhin unter schweren Bedingungen leben müssen.
- Schätzungen zufolge leben rund 250.000 Jesid*innen in Deutschland, die größte jesidische Diaspora in Europa.
- Ungefähr 5.000 bis 10.000 irakische Jesid*innen sind von Abschiebung bedroht.
- Der Wiederaufbau der Dörfer im Sindschar-Gebirge kommt nicht voran. Sicherheitsprobleme und ausländische Interessen beeinträchtigen den Prozess erheblich.
Die Stimmen, die ein sofortiges bundesweites Ende der Abschiebungen fordern, werden lauter. Jesidische Organisationen und Unterstützer aus der Zivilgesellschaft drängen nicht nur auf eine rechtliche Klärung, sondern auch auf eine bewusste politische Entscheidung, die Menschen, die unter einem Völkermord gelitten haben, nicht in das Land des Verbrechens zurückzuschicken. Thomas von der Osten-Sacken von Wadi e.V. bringt es auf den Punkt: „Opfer eines Völkermords dürfen nicht zurück in das Land geschickt werden, in dem sie verfolgt wurden“.
Die Situation bleibt dramatisch und lässt den Blick in die Zukunft ohne Hoffnung zurück. Die Familien wie die Qassims stehen exemplarisch für die Herausforderungen, die dem Schutzbedürfnis der Jesiden in Deutschland gerecht werden müssen. Der Einsatz von PRO ASYL und anderen Organisationen ist unerlässlich, um diesen Menschen eine sichere Perspektive zu geben.
Für weitere Informationen zu diesem Thema, lesen Sie die ausführlichen Berichte auf radiodrei, Flüchtlingsrat BW und Tagesschau.