50 Jahre nach Massaker: Erinnerungen an Erfurts algerische Migranten

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Gedenken an die rassistischen Ausschreitungen 1975 in Erfurt: 300 Deutsche jagten Algerier durch die Stadt. Veranstaltungen zum 50. Jubiläum.

Gedenken an die rassistischen Ausschreitungen 1975 in Erfurt: 300 Deutsche jagten Algerier durch die Stadt. Veranstaltungen zum 50. Jubiläum.
Gedenken an die rassistischen Ausschreitungen 1975 in Erfurt: 300 Deutsche jagten Algerier durch die Stadt. Veranstaltungen zum 50. Jubiläum.

50 Jahre nach Massaker: Erinnerungen an Erfurts algerische Migranten

Im Sommer 1975 fanden in Erfurt erschreckende Ereignisse statt, die bis heute im Gedächtnis bleiben. Vom 10. bis 13. August kam es zu heftigen rassistischen Ausschreitungen gegen algerische Arbeitsmigranten, die dort untergebracht waren. Vor 50 Jahren wurde die Innenstadt zur Kulisse für eine brutale Hetzjagd, bei der etwa 300 junge Deutsche 25 algerische Vertragsarbeiter verfolgten. Dabei wurden einige der Algerier schwer verletzt und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Ausgelöst wurden die Ausschreitungen durch unbegründete Gerüchte über Vergewaltigungen und andere Vergehen, die sich rasch verbreiteten und einen Mob mobilisierten, berichtet migazin.de.

Die brutalen Angriffe begannen nach einem Volksfest und zogen schnell die Aufmerksamkeit der Volkspolizei auf sich. Diese schickte Hunde auf die flüchtenden Algerier, was zu weiteren Verletzungen führte. Die Randalierer wurden von den Behörden nicht umgehend gestoppt, und die Situation eskalierte rapide. Historikerin Annegret Schüle stellte klar, dass Rassismus und rechtsextreme Strömungen auch in der DDR existierten, trotz des offiziell propagierten Antifaschismus. Das Ereignis stellte die ersten massiven rassistisch motivierten Ausschreitungen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg dar, was die Dimension der Gewalt verdeutlicht, wie auch die taz dokumentiert.

Die Folgen und die Aufarbeitung

Following the events, die DDR-Behörden eröffneten etwa zwei Dutzend Verfahren gegen mutmaßliche Täter. Fünf der Hauptakteure wurden gerichtlich verfolgt und als „Rädelsführer und Rowdys“ geahndet. Dies geschah jedoch nicht ohne Dissonanz: Die Medien berichteten über eine Störung der öffentlichen Ordnung, nicht jedoch über die rassistischen Angriffe selbst. Stattdessen wurden die Ausschreitungen in den Diskurs um „westliche Infiltration“ integriert, um den antifaschistischen Grundtenor der DDR zu verteidigen.ND-aktuell hebt hervor, dass es jahrzehntelang kein öffentliches Gedenken für die Opfer gab.

Der schnöde Umgang mit Rassismus in der DDR und das Setzen auf antifaschistische Ideale sind seit den 2010er Jahren mehr und mehr in die öffentliche Diskussion geraten. Aktuell sind Gedenkveranstaltungen zum 50. Jahrestag der Ausschreitungen in Erfurt geplant, die am 10. und 11. August 2025 stattfinden sollen. Dabei werden auch viele der ehemaligen algerischen Vertragsarbeiter erwartet, die sich gern zurückerinnern, während sie gleichzeitig die Veränderungen in der Erinnerungskultur erleben.

Ein Blick in die Vergangenheit und die Gegenwart

Das Migrationsabkommen, das ab 1974 algerische Männer in die DDR lockte, sollte dazu dienen, den akuten Arbeitskräftemangel zu decken. Damals waren viele dieser jungen Arbeiter um die 20 Jahre alt und hatten bereits den Algerischen Unabhängigkeitskrieg hinter sich. Über 8.000 algerische Migranten lebten zwischen 1974 und 1984 in der DDR, oftmals jedoch isoliert in Wohnheimen, ohne nennenswerte Integration in die Gesellschaft zu erfahren. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Algeriern, das sich in Solidarität und gegenseitiger Unterstützung äußerte, bleibt ein wichtiges Kapitel in ihrer Erinnerung.

Wie die Entwicklungen rund um die Gedenkveranstaltungen zeigen, bleibt die Aufarbeitung der Vergangenheit notwendig, um Rassismus und Diskriminierung in der heutigen Gesellschaft entgegenzuwirken. Die Zeitzeugenberichte, die im Rahmen der Veranstaltungen gesammelt werden, sind von unschätzbarem Wert, denn sie bieten einen direkten Zugang zu Erfahrungen, die oft vergessen oder verdrängt werden. Ein Beispiel dafür ist der Fall von Mohamed Kecheroud, der nach seiner gezwungenen Ausreise aus der DDR im Jahr 1979 den Kontakt zu seinen Kindern verlor und seither vergeblich nach ihnen sucht.